Rezension: Dschihad Calling

Heute möchte ich euch ein Buch näherbringen, das ich dank dtv kennenlernen durfte. Die Rede ist von Dschihad Calling von Christian Linker. Auf der Leipziger Buchmesse durfte ich den Autor treffen und ihm einige Fragen zu seinem Roman stellen. In meiner Rezension erfahrt ihr mehr darüber, wie mir Dschihad Calling gefallen hat.




Eigentlich will sich Jakob nach seinem abgeschlossenen Abitur sozial engagieren und ins Ausland gehen. Stattdessen zieht er zu seiner Freundin nach Bonn, wo er ein halbherziges Studium beginnt. Mit seinem Nebenjob kommt er gut über die Runden, sogar zu seinen Schulfreunden in Dortmund hat er noch Kontakt. Eines Tages begegnet er allerdings Samira und interessiert sich Tag für Tag mehr für ihren Glauben und den Islamischen Staat. Jakob begibt sich auf einen radikalen Weg: sein altes Leben kümmert ihn immer weniger. Unter den Salafisten fühlt er sich heimisch und freundschaftlich, ja sogar familiär aufgenommen. Bis ihn jedoch Samiras Bruder vorschlägt, gemeinsam im Krieg für den Islamischen Staat zu kämpfen.



Zu Beginn war ich nahezu entsetzt, wie unsympathisch mir die Hauptcharaktere erschienen. Jakob fühlt sich in einem Alltagstrott gefangen und hat nicht die Möglichkeiten das zu tun, was er eigentlich will. Natürlich ist das frustrierend, aber seine negativen Äußerungen und seine Handlungen konnte ich oft einfach nicht verstehen. Sich mit willkürlichen Fremden anzulegen, einem anderen Mädchen nachzusteigen, obwohl man in einer Beziehung ist – das ist schon ein starkes Stück. Es ist allerdings nicht so, als wären seine Taten nicht irgendwo nachvollziehbar, das sind sie durchaus. Schwieriger wird es, wenn sich Jakob immer mehr radikalisiert und seinen Platz unter den Salafisten findet. Es wird durchaus erklärt, welche Motive ihn dazu bewegen, doch fällt es schwer, daran festzuhalten.
Auch Samiras Bruder war mir nicht so ganz geheuer. Seine Art, sich zu artikulieren war teilweise recht anstrengend und bei seinen teilweise sehr radikalen Gedanken, verbreitet er ein regelrechtes Unwohlsein.
Samira habe ich immer mehr gemocht. Wirkt sie am Anfang wie ein Bindeglied zwischen Jakob und dem Salafismus, hebt sie sich als regelrechte Feministin hervor, die die Religion auch mal infrage stellt und nicht alles aufnimmt, was man ihr vorsetzt. Eine starke Persönlichkeit wie sie, ist genau das, was der Roman gebraucht hat.
Schlussendlich ist diese Charakterzeichnung ideal. Es scheint, als soll man das Handeln und die Motive der Figuren nachvollziehen, sich aber nicht in sie hineinversetzen können. Ein genialer Schachzug.

Der Roman ist aus zwei Perspektiven geschildert. Zum einen erleben wir konkret Jakobs Sicht der Dinge, zum anderen wird der Leser auf eine Reise mit in den Dschihad genommen. Auf den ersten Seiten erhält Jakob ein Tagebuch, in dem auch wir lesen dürfen. Dadurch, dass in den Einträgen einfach von der Leber weg geschrieben wird, muss man sich als Leser mit einer Menge Jugendslang und Phrasen aus dem Koran anfreunden. Hier hätte ich mir als Anhang eine Übersetzung der arabischen (Sprich-)Wörter gewünscht, um wirklich alles zu verstehen. Die Jugendsprache hat mich manchmal sehr gestört, weswegen ich auch etwas länger brauchte, um wirklich in den Roman eintauchen zu können.

Gerade der Schreibstil, die Charaktere und Jakobs Gedankenwelt sorgen dafür, dass das Buch unglaublich authentisch wirkt. Man glaubt diesem Jungen irgendwann, dass die Radikalisierung der einzige Weg für ihn ist. In meinem Fall konnte ich mich damit zwar zu Recht nicht identifizieren, aber es schien nicht, als greife der Autor irgendwelche Fakten aus der Luft auf. Christian Linker befasste sich eingehend mit der Thematik, traf sich sogar an dubiosen Orten mit Menschen aus dieser Szene. So kam es aber auch, dass er mit ihnen Kontakt über die Sozialen Medien suchte, mit jemandem über Facebook schrieb und nach einiger Zeit bemerkte, dass die Person nicht mehr antwortete und Profile gelöscht wurden. Für Christian Linker war es immer wichtig, bei seiner Recherche ehrlich mit dem Thema umzugehen und den Leuten, die er kontaktierte, direkt zu sagen, dass er einen Roman über die IS-Bewegung schrieb. Warum er dennoch seine Webcam abklebte, erfahrt ihr unter anderem in meinem Bericht über das dtv Jugendbuch-Treffen. 

Der Roman kulminiert in einem unerwarteten Ende. Wie das Finale, so sind auch viele andere Wendungen überraschend und ließen mich erschauern. Das Buch ging unter meine Haut und regte mich zum Nachdenken an. Ich würde mir wünschen, dass der Roman vielleicht sogar in den Schulen Pflichtprogramm werden würde, denn ich hätte von selbst, ohne das dtv Jugendbuch-Treffen vermutlich auch nicht zum Buch gegriffen. Die aktuelle Thematik mag abschreckend wirken, weil man von ihr nahezu alltäglich hört – aber das Buch ist es allemal wert, sich intensiver damit zu befassen, was in der Welt vorgeht.


Dschihad Calling ist bewegend und interessierte mich auf einer ganz anderen Ebene, als andere Jugendbücher bisher. Die Aktualität macht die Thematik greifbar, die Charaktere und die Geschichte sind authentisch und man hat nicht das Gefühl, man wird hier belehrt. Das Buch war für mich eine richtige Überraschung und ich kann es jedem empfehlen, der sich mehr mit dem Weltgeschehen befassen will. Lediglich die Jugendsprache – auch wenn sie noch so großartig zu dem Buch passt – hat es mir anfänglich schwer gemacht, in den Roman hineinzufinden. Daher vergebe ich vier von fünf möglichen Lesebrillen für Christian Linkers grandioses Werk!






Titel: Dschihad Calling
Autor: Christian Linker

Verlag: dtv
Preis: 14,95€
ISBN:  978-3-423-42928-3
Sonstiges: Taschenbuch, 320 Seiten

Die genannten Details sind der Website von dtv entnommen.

Vielen Dank an dtv!




Kommentare:

  1. Also ich muss gestehen, dass mich gerde die Thematik reizt. Die ist ja sehr komplex, jedoch eine die definitiv thematisiert werden muss und somit finde ich es gut, dass der Autor sich da rangewagt hat und vorher natürlich auch intensiv recherchiert hat. Ist sicherlich ein Buch, dass einen nicht mehr so leicht lässt und wo ich es gut finde, dass die Hauptcharaktere nicht symphatisch rüberkommen und man ihre Entscheidungen nicht nachvollziehen kann.

    Bisher kannte ich das Buch noch gar nicht und bin froh, es nun auf deinem Blog entdeckt zu haben.

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    1. Genau das macht der Autor auch wundervoll deutlich! Ohne die weiteren Informationen zum Buch hätte ich mich vermutlich auch nicht daran gewagt, daher bin ich umso glücklicher, dass dtv es mir schmackhaft machen konnte :)

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