Rezension: Jessicas Geist

Heute habe ich einen wundervollen Jugendroman für euch! Francis hat es nicht leicht in der Schule, in der man ihn für sein Hobby mobbt. Er trifft auf ein Mädchen, das ihn so sieht, wie er ist, doch… sie ist ein Geist! Der Roman von Andrew Norriss ist bei Rowohlt Rotfuchs erschienen und befasst sich nicht nur mit einer Geschichte über Freundschaft, sondern handelt er auch von sozialen Problemen unter Heranwachsenden. Wie mir Jessicas Geist gefallen hat, erfahrt ihr in meiner heutigen Rezension!





Seitdem seine Klassenkameraden herausgefunden haben, dass Francis für sein Leben gerne Kleidung schneidert und seine Puppen seine Mode tragen, wird er gehänselt. Er fühlt sich unverstanden und alleine, bis er eines Tages Jessica trifft. Sie liebt nicht nur seine Kleidungsstücke, sie sieht in Francis auch einen wahren Freund und ist endlich nicht mehr einsam – denn Francis ist der Erste, der sie sehen kann! Jessica ist ein Geist und weiß nicht, warum sie jeden Abend an den Ort zurückkehren will, der scheinbar mit ihrem Tod verbunden ist. Francis will ihr helfen herauszufinden, warum nur er sie wahrnehmen kann…



Ich war schlichtweg begeistert, als ich den Klappentext gelesen und die Informationen zum Buch auf der Rowohlt Website durchforstet hatte. Mir war zu dem Zeitpunkt bereits klar, dass der Roman nicht nur die Reise beschreiben würde, bei der in detektivischer Kleinarbeit herausgestellt wird, warum Francis einen Geist sieht. Das Buch hat so viel mehr auf dem Kasten!

Die Cover-Aufmachung habe ich am Anfang kaum verstanden. Ich konnte die Zusammenhänge erst verstehen, als ich wusste, dass es sich bei Francis um einen Modenarren handelt und dann sah ich auch, was auf dem Cover abgebildet ist. Die feinen Linien, die Scheren und die Stecknadeln weisen schon darauf hin, dass es sich nicht – wie man bei dem Titel vielleicht im ersten Moment denken mag – um eine reine Geister-Geschichte handelt.

Obwohl Francis der Protagonist des Romans ist, folgen wir nicht nur seiner Erzählperspektive. Manchmal schauen wir genauer in die Köpfe der Nebencharaktere – auch wenn sie tatsächlich nur am Rande erwähnt werden – die dadurch sehr real wirken und vor allem viele Emotionen beim Leser hinterlassen. Die Art und Weise wie die Geschichte erzählt wird, passt einfach perfekt zum Roman!
Aus diesem Grund sind die Figuren lebhaft und wirken nahezu wie reale Menschen von nebenan. Francis ist liebenswürdig, aber auch schüchtern. Er hat Schwierigkeiten damit, seine Gefühle nach außen zu tragen und will nicht, dass noch mehr Menschen von seinem Hobby erfahren. Seitdem er eine schlimme Erfahrung damit gemacht hat, geht er Ärger aus dem Weg.
Jessica scheint im Gegensatz zu dem Schüler viel aufgeweckter und lebendiger – und das, obwohl sie eigentlich ein Geist ist! Sie interessiert sich aufrichtig für Dinge, wie auch Francis‘ Modeschöpfungen und will ihm zeigen, an sich zu glauben.
Die Freundschaft der beiden ist außergewöhnlich und wunderschön. Es bleibt aber nicht nur bei diesen beiden Figuren, denn zu ihnen stoßen nach und nach weitere Figuren, die ihre kleine Gruppe bereichern. Diese sind so unkonventionell und herrlich beschrieben, dass mein Herz bei nahezu jedem Satz einen Hüpfer gemacht hat. Jeder wird sich irgendwo in ihnen wiedererkennen können: egal ob man in der Schule angeblich nicht die richtige Kleidung getragen hat, zu grobschlächtig zu Klassenkameraden war oder dachte, sich verstecken zu müssen. Das Buch gibt einem Mut, einfach zu sein, wie man ist. Die Charaktere in Jessicas Geist beweisen uns das.

Mit nur 220 Seiten ist es zwar ein kurzes, dafür aber auch ein intensives Lesevergnügen. Die Rahmengeschichte, nämlich herauszufinden, warum Jessica ein Geist ist, wird von vielen einzelnen Episoden untermalt. Francis wird zum Lebensretter von Müttern und Jugendlichen und stellt sich immer wieder neuen Aufgaben. Dabei ist es ganz fantastisch zu sehen, wie Francis mit diesen Situationen umgeht. Er denkt, er könne sie nicht bewältigen und nichts ausrichten, doch da hat er nicht mit dem Mut gerechnet, der in ihm schlummert.
Der Roman ist daher nicht nur emotional, sondern auch noch witzig. Es entstehen amüsante Handlungsstränge, die manchmal so grotesk und abwegig wirken, dass man als Leser gar nicht weiß, wie sie ausgehen könnten. Wer sich gerne überraschen lässt, kann in diesem Buch einen Glücksgriff sehen.

Aber nicht nur die Freundschaft steht im Vordergrund, auch eher ernstere Dinge werden thematisiert. So wird Depression im Jugendalter greifbarer und vor allem verständlicher für diejenigen, die nicht daran leiden und auch Mobbing wird auf eine viel dramatischere und intensivere Ebene gehoben, als ich anfänglich glaubte. Ich fand es gut gelöst, dass nicht nur die jugendlichen Charaktere mit dieser Thematik konfrontiert werden, sondern auch die Eltern eingespannt wurden: Was mache ich als Elternteil, wenn mein Kind plötzlich traurig ist und sich zurückzieht? Das Jugendbuch fungiert nicht nur als fiktive Geschichte, sondern könnte jedem helfen, mit Depressionen und Mobbing besser umzugehen.


Jessicas Geist schafft einen grandiosen Rundumschlag in nur wenigen Seiten, wie es nicht viele Romane schaffen, ohne auszuschweifen. Dramatik, Freundschaft und Humor werden in eine wundervolle Geschichte verpackt, die ich sehr geliebt habe. Die Figuren sind stark voneinander kontrastiert und trotzdem so auf den Punkt gebracht, dass man sie gar nicht mehr gehen lassen möchte. Der Roman ist vor allem eins: unkonventionell. Und so muss er auch sein, um die Botschaften zu vermitteln, die zwischen den Seiten versteckt sind. Das Jugendbuch von Andrew Norriss erhält meine klare Leseempfehlung mit fünf von fünf Lesebrillen!






Titel: Jessicas Geist
Autor: Andrew Norriss
Übersetzung: Christiane Steen
ISBN: 978-3-499-21744-9
Verlag: Rowohlt Rotfuchs
Preis: 14,99€
Sonstiges: 224 Seiten


Die genannten Details sind der Website von Rowohlt entnommen.

Vielen Dank an Rowohlt für das Leseexemplar!





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