Rezension: Fräulein Else


Heute stelle ich euch einen Comic vor, der nach Arthur Schnitzlers Novelle erzählt ist. In Fräulein Else geht es um eine junge Frau, die einen dubiosen Handel vorgeschlagen bekommt und mit den Folgen umzugehen versucht. Wie mir der Titel von Manuele Fior gefallen hat, der beim Avant-Verlag erschienen ist, erfahrt ihr heute in meiner Rezension.


Else ist im Urlaub in Südtirol, als sie von den Schulden ihres Vaters erfährt. Sie kennt das schon, ihr Vater hat hier und da häufiger finanzielle Probleme, doch dieses Mal scheint es wirklich schlimm um Elses Familie zu stehen. Ihr Vater soll inhaftiert werden! Die junge Frau erhält von ihrer Mutter einen Brief, in dem sie die Wienerin dazu auffordert, sich an den Kunsthändler Dorsday zu wenden, um an Geld zu kommen. Doch Dorsday will Else nicht so einfach einen Scheck überreichen, er will sie im Gegenzug für das Geld nackt sehen. In Else keimen Zweifel auf und sie begibt sich auf eine Gedankenreise.

Bei Fräulein Else handelt es sich um eine Adaption. Der Comic ist an die gleichnamige Novelle von Arthur Schnitzler angelehnt, sodass Kennern dieser Erzählung die Geschichte im Comic nicht mehr neu vorkommen wird. Ich habe die Novelle bisher noch nicht gelesen, bin auf den Comic-Titel jedoch durch das aktuelle Programm des Avant-Verlags aufmerksam geworden. Mich interessierten vor allem die Inszenierungen vom Körper und die Darstellung von Else.

Die Geschichte wird aus der Perspektive der jungen Wienerin Else erzählt. Man folgt ihr durch den Comic und erhält eine bessere Inneneinsicht durch zahlreiche Kommentare von Else. Sie ist eine starke Frauenfigur, die eigentlich weiß, was sie will. Doch genau darum geht es auch in dem Comic: Weiß Else wirklich, was sie will? Sie ist hin- und hergerissen zwischen der Entscheidung, sich für ihren Vater und das Geld Dorsday nackt zu zeigen. Die Vorstellung bedrückt sie, macht ihr Angst. Die Emotionen der Protagonistin können wunderbar in den Bildern und Texten transportiert werden, sodass man stets das Gefühlt hat, mittendrin zu sein und Else wirklich Schritt für Schritt zu folgen. Ihre Gedanken kreisen aber nicht nur um die relevante Entscheidung, sondern auch um den Tod. Sie heckt verschiedene Szenarien aus, stellt sich vor, wie es für die anderen in ihrer Umgebung sein mag, wenn sie gestorben ist. Ich persönlich fand den Comic teilweise sehr düster und an einigen Stellen fühlte ich mich durch Elses sehr komplexe Gedankenwelt unwohl. Für schwache Nerven oder sensible Leser mag der Comic nicht unbedingt die erste Wahl sein.

Der Comic ist in zwei Teile gesplittet, sodass man durch die Kapitelaufteilung leicht das Gefühl vermittelt bekommt, dass es sich um eine Romanadaption handelt. Darüber hinaus war das für mich nicht das einzig ungewöhnliche an diesem Comic: schon zu Beginn sind die Bilder losgelöst von Rahmen und Panels, was mich verwunderte. Man wird als Leser direkt in die Geschichte hineingezogen und kann sich ihr auch nicht beugen, bis man den Comic tatsächlich in einem Rutsch ausgelesen hat.

Grundlegend hatte ich den Eindruck, dass es sich bei diesem Comic eher um ein Stück Kunst handelt. Die Aquarelle haben mir beim Lesen wirklich den Atem genommen, weil sie so wunderschön sind! Vor allem die großen Bildszenerien haben mich sehr beeindruckt. Das liegt auch an den gewählten Farben, die hauptsächlich sehr gedeckt sind. Manchmal fühlte ich mich wie in einem Herbstwald, mal unterstrichen die dunklen Farben die düstere Stimmung, die sich in Elses Gedanken aufmacht. Die Farben harmonieren wunderbar mit der Geschichte und man spürt richtig, dass sich bei der Koloration viel Mühe gegeben wurde.
Die Strichführung ist ganz zart und manchmal sind die Linien absichtlich etwas unsauber. Interessant fand ich auch, dass man oft die Bleistiftstriche noch gesehen hat. Ich empfand sie aber nicht störend, ganz im Gegenteil, denn sie tragen zur Atmosphäre des Comics durchaus bei.
Insbesondere gefiel mir die Aufmachung der Briefwechsel. Die Panels wurden dabei durch längere Schriftzüge unterbrochen, sodass der Brief wie tatsächlich abgedruckt wirkt. Allerdings war die schnörkelige Kursivschrift eher schwierig zu lesen, was aber wiederum die Glaubwürdigkeit meiner Meinung nach erhöhte. In dem Comic fühlt sich alles so echt und greifbar an.

Da ich die Novelle von Schnitzler nicht gelesen habe, kann ich leider keine Worte darüber verlieren, inwiefern die Adaption dem Original ähnelt. Das Ende des Comics ist verschwommen und unklar, wodurch sich nach dem Lesen bei mir ein regelrechter Gedankenwirrwarr aufbaute. Es passt zudem auch hervorragend zu den verwirrenden Eingebungen von Else.

Zudem findet man am Ende des Comics einige Skizzen angehangen, was mich sehr freute und mir half, den eher undeutlichen Ausgang nochmal zu verarbeiten und die Geschichte Revue passieren zu lassen. Es wurden Grobskizzen von Else angefügt, aber auch erste Storyboards, sodass man einen Einblick in die Arbeit an dem Comic erhält.


Ich hätte nicht gedacht, dass mich Fräulein Else tatsächlich so fesseln könnte, dass ich den Comic in einer Lesesitzung abschloss. Die Panels sind alle sehr bildgewaltig und man bekommt irgendwann den Eindruck, dass es sich gar nicht mehr um eine Geschichte, sondern eher um ein Stück Kunst dreht. Neben der eher düsteren Thematik, die auch Suizid beinhaltet, schafft es der Comic, die Emotionen direkt zum Leser zu transportieren. Manuele Fior kann mit seiner Fräulein Else nicht nur viele versteckte Gefühle aufrütteln, sondern einen regelrecht zum Staunen bringen. Die Comic-Adaption erhält von mir vier von fünf möglichen Lesebrillen für ein intensives Leseerlebnis.


Titel: Fräulein Else
Illustrator: Manuele Fior
Übersetzung: Maximilian Lenz
ISBN: 978-3-945034-43-9
Verlag: Avant-Verlag

Preis: 24,95€
Sonstiges: 96 Seiten, Hardcover, vierfarbig



Die genannten Details sind der Website vom Avant-Verlag entnommen.

Vielen Dank an den Avant-Verlag für das Belegexemplar!



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