Rezension: Wilson


Wer es nicht so mit vollkommen schonungslosen Menschen hat, sollte lieber Abstand von Wilson nehmen. Er spricht das aus, was viele nicht einmal denken und ihm ist es egal, ob er sich danach lieber einmal den Mund mit Seife auswaschen sollte. Ich stelle euch heute den Comic Wilson von Daniel Clowes aus dem Reprodukt Verlag vor. Vielleicht hat der ein oder andere ja auch schon den gleichnamigen Film dazu im Kino gesehen?


Wilson ist echt ein Kotzbrocken. Er sagt jedem ganz schonungslos seine Meinung, egal ob derjenige sie hören will oder nicht. Seine dauerhaft miese Stimmung und sein misanthropisches Weltbild sorgen dafür, dass die Leute lieber Abstand von ihm nehmen. So lebt Wilson alleine mit seinem Hund in einer trostlosen Junggesellen-Wohnung, ohne Job und ohne Perspektive. Als sein Vater jedoch stirbt, wird sich Wilson nach und nach bewusster, dass er vielleicht so einiges im Leben hätte anders machen können.

Wilson ist eine überarbeitete Neuauflage, die bei Reprodukt erschienen ist. Durch die Verlagsvorschau und die Ankündigung der Verfilmung mit Woody Harrelson in der Hauptrolle bin ich auf den Comic gestoßen. Der amerikanische Illustrator und Autor von Wilson, Daniel Clowes, hat bei der Filmadaption sogar Drehbuch geführt. Seit Juni 2017 ist die Verfilmung in den deutschen Kinos.

In Wilson geht es um den gleichnamigen Titelhelden. Der Comic schildert sein Leben und zeigt ganz ungeschönt, wie sich der Chaot durch seinen Alltag schlägt. Er ist ein Misanthrop wie er im Buche steht und redet zudem frei von der Leber weg. Das begeistert vor allem sein Umfeld nicht gerade und es fällt schwer, sich als Leser mit ihm zu identifizieren. Aber insbesondere diese starke Antipathie sorgt für viele witzige und skurrile Szenen.
Egal wie sehr man Wilson nicht leiden kann – irgendwo tut er einem dann doch wieder leid. Er verliert Dinge im Leben, die ihm wichtig sind und stößt ständig auf neue Mauern, die sich vor ihm auftun. Man weiß nie so genau, ob man Wilson in den Arm nehmen oder am liebsten von sich wegstoßen möchte. Das sorgt auch für eine entsprechende Dynamik beim Lesen und eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

Die kurzen und abgeschlossenen Kapitel regen zu einer schnellen Leselektüre an und machen Lust auf mehr. Unterstützt wird dies durch den Einsatz der recht großen Schrift, handgelettert von Michael Hau. Dadurch, dass das Bild den Text außerdem überwiegt, hatte ich den Comic darüber hinaus ziemlich schnell beendet.

Besonders interessant ist die Art und Weise der Illustration, denn nahezu jede Seite ist anders illustriert, der Zeichenstil ändert sich konstant. Mal wirken die Bilder sehr cartoonhaft, mal sind sie realistischer angehaucht. Der wechselnde Stil zeigt sogleich den Wandel, den auch der Protagonist erfährt. Immer wieder passieren Wilson neue Unmöglichkeiten, die ihm das Leben erschweren.
Die Farben sind weitestgehend sehr bunt und knallig, sodass sie dem Leser direkt ins Auge stechen. Bestimmte Szenen, die auch vom Zeichenstil andersartig illustriert sind, wurden farblich angepasst, um der jeweiligen Atmosphäre gerecht zu werden.

Der schwarze Humor, manchmal wirklich bitterböse, brachte mich oft zum Lachen und gleichsam dazu, den Kopf zu schütteln. Ich war stets zwischen Mitleid und Antipathie hin und hergerissen, was das Leseereignis wirklich interessant gemacht hat. Einen so merkwürdigen und unmöglichen Protagonisten findet man nur selten.


Insgesamt fand ich Wilsons Geschichte nicht nur spannend erzählt, sondern auch unterhaltsam und vor allem außergewöhnlich illustriert. Dadurch, dass meine Gefühle für die Hauptfigur immer wieder Achterbahn fuhren, verlief die Erzählung sehr dynamisch. Letztendlich war für meinen Geschmack das Ende des Comics etwas unbefriedigend und zu abrupt, weswegen ich an Wilson aus dem Hause Reprodukt vier von fünf möglichen Lesebrillen vergebe. Ich freue mich auch auf die Verfilmung und bin gespannt, wie der Comic umgesetzt wurde.


Titel: Wilson
Illustrator und Autor: Daniel Clowes
Übersetzung: Doris Engelke
Handlettering: Michael Hau
ISBN: 978-3-95640-073-5
Verlag: Reprodukt
Preis: 20,00€
Sonstiges: 80 Seiten, Hardcover, farbig



Die genannten Details sind der Website von Reprodukt entnommen.

Vielen Dank an Reprodukt für das Belegexemplar!



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