Rezension: Mädchen für alles


Beim Namen Charlotte Roche denken viele an Ekeltexte und Porno-Romane, doch dass die Bestsellerautorin auch über Themen wie die Partnerschaft, Feminismus und Religion reflektiert, ist nicht jedem bekannt. Ich habe mich auf der Frankfurter Buchmesse 2015 über Mädchen für alles informiert, da ich auch ihre vorigen Werke begeistert gelesen habe. Der dritte Roman von Roche handelt von einer Hausfrau, die aus ihrem bisherigen Leben ausbrechen will. Wie mir der neue Roche-Roman gefallen hat, erfahrt ihr in meiner Rezension.






Christine hat die Schnauze voll. Ihre Ehe läuft schon lange nicht mehr so wie sie will und auch wenn sie ihre Tochter liebt, irgendwie kann sie keine richtige Verbindung zu ihr aufbauen. Den Haushalt schmeißt sie seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr richtig, sie hat keinen Job, dafür aber jede Menge Geheimnisse, die sie niemandem erzählt und auch ihre Eltern nerven Christine einfach nur höllisch. Am Leben teilnehmen, aber wie in einer Situation wie dieser? Als die Familie Marie beschäftigt, die sich als das titelgebende Mädchen für alles engagiert, tüftelt Christine einen ausgefeilten Plan aus, um aus ihrem bisherigen Alltag auszubrechen.





Das Buch beginnt mitten in der Geschichte. Man landet in einer Situation, die für Christine eher unangenehm ist und wird sofort mit ihren Macken warm. Der Leser lernt die Protagonistin schon zu Beginn von ihrer schlimmen Seite kennen, die nur an wenigen Stellen auch mal positiv erscheint. Christine ist ein Charakter, den ich zwischendurch einfach mal richtig hassen konnte. Dass sie mir manchmal leid tat, machte diese Tatsache aber nicht wirklich wett. Christine hat Ticks, die man gut verstehen kann und welche, bei denen ich nur den Kopf schütteln konnte. Das gibt ihr Menschlichkeit, macht sie authentisch. Christine könnte auch deine Nachbarin sein, so ein Gefühl hatte ich die ganze Zeit.

Mädchen für alles wird aus Christines Sicht erzählt. Dass Charlotte Roche auch in diesem Werk keine komplizierten Schachtelsätze feiert oder hochkomplizierte grammatikalische Entwürfe liefert, weiß man, wenn man schon einmal einen Text von ihr gelesen hat. Sie schreibt einfach von der Leber weg, ganz unsauber und chaotisch, wie Christine sprechen würde. Man verfolgt ihre Gedankengänge, ganz natürlich und frech. Dass die Grammatik an einigen Stellen dadurch untergeht, sollte dem Leser bewusst sein. Ich brauchte erst einmal ein, zwei Kapitel bis mich der Schreibstil nicht mehr verwirrte.

Der Titel Mädchen für alles in Kombination mit Charlotte Roche weckte Assoziationen von Unterwerfung, Hörigkeit und Dienerschaft in mir. Zugegeben, im Roche-Kontext ist Mädchen für alles aber eher brav. Dass Themen wie Sex oder Ekel nicht ausgelassen werden, war für mich aber ebenfalls vorhersehbar. Aber genau wie der Titel war für mich auch der Themenbereich irreführend. Ich habe mich mehrmals gefragt, worum es eigentlich in dem Roman geht. Und ganz ehrlich? Die Antwort fällt mir irgendwie schwer. Der grobe Aufbau des Plots ist schnell zusammengefasst, aber für mich machten es die Einschübe zahlreichen, trivial erscheinenden Themen schwer für mich, einen roten Faden durchgehend zu erkennen.

Diese Trivialität ließ mich oft denken, dass Roche irgendwie das Thema verfehlt hat. Über Marie, das Mädchen für alles, erfährt man recht wenig. Sie ist für mich auch gar nicht so relevant, als dass Christine aus ihrem bisherigen Leben ohne sie nicht ausbrechen könnte. Christine hat schwerwiegende Probleme, die meiner Meinung nach nicht nur durch die zwischenmenschliche Anziehung zu Christine gelöst werden können. Marie bleibt für mich als Figur zu blass, um als dieser Auslöser für die weiteren Ereignisse glaubhaft zu sein.

Das Ende war irgendwie so gar nicht Roche-typisch. Ich habe auf eine enorme Katastrophe gewartet. Der Plottwist sorgte jedoch dafür, dass ich etwas durcheinander war. Bis ich verstanden hatte, worum es bei dem Ende tatsächlich geht, musste ich erst einmal ordentlich darüber schlafen und das ganze nochmal reflektieren. Ein Buch mit Tiefgang, irgendwie.





Ich habe mich sehr gefreut, als ich hörte, dass Roche ein neues Buch veröffentlicht, aber ich weiß noch nicht so ganz, woran ich bei Mädchen für alles bin. Die Protagonistin fand ich zunehmend unsympathisch und die Themen sprangen so wild durcheinander, dass mir eine Differenzierung schwerfällt. Weil ich es aber irgendwie sehr spannend und sehr realistisch fand, wie das Buch endet, habe ich dem Roman drei von fünf möglichen Lesebrillen gegeben. Ich glaube, das ist einfach ein Werk, das man sich nochmal als Hörbuch anhören sollte – oder im besten Fall einfach ein zweites Mal lesen.

  






Titel: Mädchen für alles
Autorin: Charlotten Roche
Verlag: Piper
ISBN:  978-3-492-05499-7
Preis: 14,99€
Sonstiges: Taschenbuch, 240 Seiten


Die genannten Details sind der Verlagswebsite von Piper entnommen. Hier könnt ihr euch eine Leseprobe von Mädchen für alles einholen.

Vielen Dank an Piper für das Leseexemplar!


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