Rezension: Esthers Tagebücher - Mein Leben als Zehnjährige


Wie das wohl so als Zehnjährige ist? Das erklärt uns Riad Sattouf in Esthers Tagebücher – Mein Leben als Zehnjährige. Der Comiczeichner hat sich von der jungen Esther einige Geschichten erzählen lassen, die er schließlich in einem Comic verarbeitete. Wie mir der Titel aus dem Hause Reprodukt gefallen hat, verrate ich euch heute in meiner Rezension.


Esther ist zehn Jahre alt und wünscht sich nichts sehnlicher als ein IPhone. Sie liebt ihre Eltern sehr (außer in den Momenten, in denen sie mit ihnen über ein Smartphone diskutiert), ihren Bruder umso weniger, den sie liebevoll als Schwachkopf bezeichnet. In der Schule erfährt Esther jeden Tag neue Abenteuer, vor allem über die Pausen berichtet die Zehnjährige viel und ausführlich, denn dann kann sie mit ihren Freundinnen spielen und toben. Aber auch politische Ereignisse gehen nicht einfach so an dem Mädchen vorbei – Esther erzählt in 52 Geschichten über ihren Alltag.

Bei meiner ersten Begegnung mit dem Comic war ich ja noch etwas skeptisch, als ich dann auf der Leipziger Buchmesse mehr über den Titel erfuhr, wollte ich ihn unbedingt lesen! Mir gefiel das Konzept, dass es sich dabei um wahre Geschichten eines jungen Mädchens handelt und ich war gespannt, wie Riad Sattouf diese Idee umgesetzt hat.

Bei meinem ersten Blick in den Comic fühlte ich mich doch etwas erschlagen: ich sah sehr viel Text, sehr viele und vor allem kleine Buchstaben. Das Handlettering gefiel mir rein optisch zwar gut, doch es war manchmal anstrengend im Comic weiterzulesen.
Pro Seite wird eine abgeschlossene Geschichte von Esther präsentiert. Das wiederum milderte die Tatsache des Textumfangs ein wenig, denn dann hatte ich wieder Lust „mal eben noch kurz“ eine weitere Seite zu lesen. Dennoch habe ich erstaunlich lange gebraucht, bis ich den Comic ausgelesen hatte. Das war für mich dann doch wieder ein Bonus, denn auf diese Weise hatte ich umso mehr von Esthers aberwitzigen Storys.
An die minimalistischen Zeichnungen musste ich mich erst einmal gewöhnen. Die Figuren sind nicht detailliert ausgeprägt gezeichnet, man kann sie dennoch durch ihre herausstechenden Merkmale gut voneinander unterscheiden. Ich mochte den Zeichenstil immer mehr, je mehr Seiten ich las.
Die Farben waren für mich auch etwas ganz Besonderes, denn jede Seite ist anders koloriert. Meist ist pro Geschichte eine Farbe am dominantesten und manchmal fügt sich noch eine zweite Farbe zur Differenzierung ein. Ich bin wirklich verliebt in diese tolle Gestaltung!

So frech und ungehemmt, wie Esther manchmal ist, kann man fast gar nicht glauben, dass es sich um wahre Ereignisse handelt. Es ist zuckersüß und manchmal bitterböse, wie das Mädchen vor sich hin schimpft, sodass ich immer zu einem Schmunzeln angeregt war. Vor allem, wenn Esther ihren Willen nicht bekommt oder ihre Eltern nicht zuhören, kann sie ausfallend werden. Allerdings entschuldigt sie sich dann meist sofort oder weist darauf hin, dass sie sich dessen bewusst ist, dass man eigentlich nicht so viel fluchen sollte. Mir gefiel die lockere Art von Esther sehr und ich konnte sie mir direkt lebendig vorstellen. Esther ist aber nicht nur eine Schimpfkanone, sie ist auch liebevoll und ein großer Familienmensch und lügt nicht gerne: so erzählt sie, dass sie ihren Bruder (mit dem sie sich ausgerechnet auch noch ein Zimmer teilen muss!) gar nicht mag, ihren Vater eigentlich lieber hat als ihre Mutter und wen sie von ihren Freundinnen aus welchem Grund manchmal verabscheut. Getreu nach dem Motto „Kinder sagen immer die Wahrheit“ wird man in Esthers Tagebücher – Mein Leben als Zehnjährige ihren schonungslosen Kommentaren ausgeliefert.

Die Vielfalt der Themen im Comic hat mich nicht nur verwundert, sondern auch erfreut. Esther erzählt natürlich viel über die Dinge, die sie persönlich betreffen: ihren Wunsch nach einem Smartphone, ihre Lieblingsaktivitäten und, und, und. Darüber hinaus spricht der Comic aber auch politische und soziale Themen an, wie Terrorismus und den Anschlag auf Charlie Hebdo. Außerdem plaudert Esther über ihre ersten Küsse mit Jungs, „Heiraten“ auf dem Schulhof und Homosexualität. Es war für mich herrlich anzusehen, wie Esther mit diesen Themen umgeht.

Wer schon immer mal die Welt durch die Augen eines Kindes sehen wollte, liegt mit Esthers Tagebücher – Mein Leben als Zehnjährige genau richtig. Als Erwachsener hat man ja doch relativ andere Vorstellungen als Kinder und es war für mich sehr erfrischend zu sehen, wie Esther (manchmal etwas blauäugig, mal sehr aufgeschlossen und neugierig) durch ihren Alltag geht. Sie kann Ungerechtigkeiten noch nicht so ganz verstehen, freut sich aber dafür umso mehr über die Kleinigkeiten des Lebens. Witzig sind auch ihre Fantasien: sie malt sich aus, wie ihr Vater sie wie im Film Taken rettet, mal stellt sich Esther vor, sie sei eine erfolgreiche Tänzerin und Sängerin – einfach zuckersüß!


Ich habe Esthers Tagebücher – Mein Leben als Zehnjährige sehr genossen. Ich mochte die Charaktere und den Charme der Erzählung. Es war spannend, mitzuerleben, wie eine Zehnjährige die Welt betrachtet, sodass ich mich gut unterhalten fühlte. An die Zeichnungen konnte ich mich zwar nach und nach gewöhnen, an den Text aber leider nicht so richtig. Vielleicht hätte mir der Titel noch besser gefallen, wenn man die Seitenanzahl erhöht und die Panels etwas besser auf den Seiten verteilt hätte. Nichtsdestotrotz bin ich absolut begeistert von Esthers Tagebücher – Mein Leben als Zehnjährige von Riad Sattouf und vergebe daher vier von fünf möglichen Lesebrillen an den Comic aus dem Reprodukt Verlag.


Titel: Esthers Tagebücher - Mein Leben als Zehnjährige
Illustrator und Autor: Riad Sattouf
Übersetzung: Ulrich Pröfrock
Handlettering: Hartmut Klotzbücher
ISBN: 978-3-95640-118-3
Verlag: Reprodukt
Preis: 20,00€
Sonstiges: 56 Seiten, Hardcover, farbig




Die genannten Details sind der Website von Reprodukt entnommen.

Vielen Dank an Reprodukt für das Belegexemplar!



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